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Ich, ein Simulant

Tagebuch Knie


Arbeitsunfähig vom 26.09. bis 07.11.

Schmerzen/Blockade im Knie.
OP Anfang Oktober
“Arthroskopie"
Diagnose:
Aussenminiskus abgebrochen
Schleimbeutel entzündet
Knorpel beschädigt
Kreuzband angerissen

Ursache: dauerhafte Überbelastung durch berufsüblicheTätigkeiten.
Handwerker eben....

7 Wochen Freiheit. Krank geschrieben.
Nach einer Woche merke ich, das ich ohne Arbeit garnicht klarkomme.
Suche mir Beschäftigung.
Auf Krücken habe ich den ganzen Keller gestrichen. Bin zufrieden, denn ich habe die wertvolle Zeit genutzt.
Ich Idiot.


07.11. bis 13.11.


Gehe wieder arbeiten.



14.11.

schon wieder 1 Tag frei


Das Knie ist total dick.
Gehe nicht zur Arbeit, habe die Firma gegen 6.45 Uhr angerufen und den Betriebsleiter informiert.
Seine Antwort war wie immer egal was passiert, das angepisste: "OK".

Zur Punktierung im Medizinischen Versorgungszentrum.
Nur Attest bis 9.20 Uhr, keine weitere Krankschreibung. Mist.
Muss nochmals Firma anrufen ob ich arbeiten kommen oder Bein hochlegen darf wie Arzt empfiehlt.
Alle Nummern durchprobiert, keiner dran.
Die letzte Möglichkeit ist aus Erfahrung besonders übel:
Ich muß die Chefin persönlich anrufen.
Meine vorsichtige Erklärung:
“Claudia, ich bin nicht in der Firma, ich bin zuhause”
“Ja, ja, ja......ich habs schon gehört”
Voll zickig.
Ihr Befehl: "Bein hochlegen und Eis drauf damit du Montag wieder fit bist. ....mein Gott das kann ja nicht so weitergehen...die Fehlstunden von heute ziehe ich dir ab.....stöhn....sieh zu das du klarkommst."
Nach fast 30 Jahren Betriebszugehörigkeit mal wieder solche Worte in so einem Ton. Das muss sich wahrlich herrschaftlich anfühlen, wenn man ständig ganz bewusst auf Umgangsformen scheissen kann.

Ich hab's endgültig kapiert, die Zeit hat sich verändert. Moderene Sklaverei! Und nichts von wegen "Familienbetrieb und blah...blah...blah...", wie immer in der Rede auf der Weihnachtsfeier erwähnt wird. Das war früher vielleicht mal so aber heute nicht mehr, aber das merken die mit Sicherheit als letztes.


Ich habe jahrzehntelang richtig gerne gearbeitet, auch ganze Nächte durch wenn's sein musste,...Ehrensache!
Nie krankgefeiert, immer ehrlich und zuverlässig.
Weil ich mich durch und durch mit der Rolle des Malochers auf'm Bau identifiziert habe. Dazu beigetragen hat sicherlich, das ich noch die alte Schule durchgemacht habe, mit Ohrfeigen vom Chef in meiner Lehrzeit.
"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" ohne jeglichen Widerstand. Das erzieht den Auszubildenden zu einem beliebten, hörigen Mitarbeiter.

Das hab ich jetzt von meinem Ehrgeiz nach all den Jahren, die Knochen kaputt und keinen interessierts.
Soll nur mal eben Eis drauflegen und schnell wieder klarkommen. Damit ich als Malocher wieder perfekt "funktioniere", ich koste ja schliesslich Geld.

Aber ich denke mir: "Leckt mich doch alle am Arsch, ich mache mir jetzt einen schönen Tag" und fahre zum Schwimmen.
Mit den Gedanken im Kopf an meine schwitzenden Kollegen, Vorarbeitern und Chefs tauche mit beidhändig ausgefahrenden Mittelfingern ins Wasser und genieße das mich umhüllende, wohltemperierte Element. Als ich wieder auftauche flüstere ich leise: “Diese Wichser. Na wartet mal ab....."


15.11.


Ja, da sind die jetzt selber schuld, lange genug haben die regelrecht daran gearbeitet: Ich plane meine Kniekrankheit auszubauen. Mal sehen was da noch geht.
Ich werde erstmal anfangen richtig zu humpeln. Ganz deutlich und völlig übertrieben und dadurch symbolisieren das ich noch nicht der “Alte” bin.
Die Arbeitsgeschwindig ist mir egal, die wird darunter leiden. Und meine Kollegen leider auch und einige von denen haben's eh echt mal verdient.
Ich werde allen erzählen wie entzündet doch mein Knie ist. Ich werde es ihnen regelrecht “einbläuen”.
Ich werde eine Knie- Manchette tragen, die mich ständig an das Humpeln erinnert.
Und ich werde natürlich auch weitere Krankheiten einfach erfinden.
Ja, ich werde nun ein Simulant.
Ich stelle mich jetzt in die Reihen der Ausbeuter ohne schlechten Gewissen. Und ich bleibe dabei unerkannt, denn das Bild von mir als ehrenwerten Handwerker hat sich über die Jahre so sehr tief in ihren Köpfen eingebrannt, sie werden meine innerlich Verwandlung nicht im Ansatz erahnen.

Und egal wie erfolgreich ich mit meiner neuen Einstellung sein werde, eines steht für den Rest aller Zeiten fest:

ICH WERDE MICH NICHT MEHR UNNÖTIG QUÄLEN.

Und werde meine Energien in lohnenswertere Richtungen lenken.
3.1.15 03:29
 


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